Erfahrungen

(Vorgetragen am 26.04.2009 beim Segnungs- und Sendungsgottesdienst in der Petruskirche in Bessungen)

Mein Vater starb innerhalb eines halben Jahres an Krebs und hat die Möglichkeit, dass er an dieser Krankheit sterben könnte bis zum Schluss nicht wahrhaben wollen.

Meine Mutter starb langsam, in kleinen Schritten, nach jedem der zahlreichen kleinen und großen Schlaganfälle immer stärker pflegebedürftig - ein langes trauriges Abschiednehmen.

Seitdem beschäftigt mich die Frage, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen der Art wie wir leben und wie wir sterben. Und was es eigentlich bedeutet, wenn man sagt man soll "abschiedlich leben"?

Heißt das, dass ich mir immer wieder, womöglich täglich, vor Augen führen soll, dass mein Leben endlich ist und  dass ich sterblich bin? Dass jeder Tag, jeder Augenblick mein letzter sein kann?

Stimmt es, dass ich dann besonders intensiv lebe und das, was mir begegnet mehr schätze und genieße?

Für mich heißt abschiedlich leben u.a., mir der vielen Abschiede in meinem Leben bewusst zu sein. Der letzte große Abschied, das Sterben, ist einer von vielen, die ich schon auf meine mir ganz eigene Weise erlebt und erlitten habe.

Ich finde es wichtig, zu erkennen, wie ich Abschied nehme, wie  meine Umgehensweise mit Abschieden ist. Sind sie mir unangenehm, will ich sie vermeiden, abkürzen, übergehen?

Ein lieber Besuch muss zur Heimreise an den Bahnhof, zum Zug gebracht werden.Gehe ich mit auf den Bahnsteig oder lasse ich den anderen aus dem Auto steigen, nach kurzer Umarmung und Auf Wiedersehen?

Oder überlasse ich diese Fahrt ganz und gar jemand anderem in der Familie, weil ich diese Rührseligkeit und Bahnhöfe nicht leiden kann? Reagiere ich auf Abschiede mit Flucht?

Sind mir Tränen peinlich, mache ich darum beim Abschied lieber ein paar witzige Bemerkungen? 

Will ich den Abschied gar nicht wahr haben und versichere meinem Gegenüber und mir selbst immer wieder, dass wir ja in Verbindung bleiben, gleich heute Abend telefonieren oder e-mails schicken, uns so bald wie möglich wieder besuchen? Oder kann ich die Traurigkeit, das leise Gefühl verlassen zu werden, das Bedauern, dass schon wieder etwas, worauf ich mich lange gefreut habe, vergangen ist, aushalten und aussprechen.

Kann ich den Abreisenden in den Arm nehmen, ihm sagen was schön war in der Zeit mit ihm und was vielleicht nicht so gelungen ist?

Kann ich die aufsteigenden Tränen zulassen,  mit dem Taschentuch nach winken und hinterher schauen, bis der Zug in der Ferne verschwunden ist? Ein kleines Abschiedsritual?

Ich glaube, es macht mich reicher, wenn ich mich dem Traurigen, Ängstigenden und Verunsichernden, das sich mit dem Abschiednehmen verbindet, öffne. Wenn ich das Leben so lebe, wie es ist - mit den Höhen und den Tiefen. Den unangenehmen und traurigen Situationen nicht auszuweichen - auch das ist für mich Lebensfülle.

Und daran anknüpfend will ich mich fragen: wie soll mein Abschied beim Sterben sein? So, wie ich es immer getan habe oder anders? Was kann ich heute dafür tun, dass meine  Vorstellung von diesem letzten Abschiednehmen auch wahr wird? Das zu bedenken heisst für mich  "abschiedlich leben".

Auch wir als Ausbildungsgruppe nehmen heute voneinander Abschied.

Wir werden in der Form, in der wir uns in den vergangenen Monaten getroffen und gemeinsam gelernt haben, nicht mehr zusammen sein. Wir werden uns wieder treffen, um unsere Erfahrungen  mit den Sterbebegleitungen auszutauschen, aber das wird anders sein.

Das Alte geht und etwas Neues beginnt.

Wir freuen uns, dass wir das heute in diesem Gottesdienst feiern dürfen.

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Vor fast 13 Jahren starb unser Sohn Philipp im Alter von nur 10 Wochen am plötzlichen Kindstod.

Nichts hatte vorher darauf hingedeutet. Die routinemäßige Untersuchung beim Kinderarzt bestätigte ein gesundes, properes Baby. Eine Woche zuvor hatten wir mit Verwandten und vielen Freunden fröhlich Taufe gefeiert. Und plötzlich lag er tot in seinem Bett.

Dieser Tod traf uns völlig unvorbereitet. Mein Mann und ich, die damals noch kleine Schwester, Großeltern, die Uroma, Paten und Freunde waren wie gelähmt vor Entsetzen. Eine glückliche Fügung wollte es, dass die Hebamme bei der ich Philipp entbunden hatte, von seinem Tod erfuhr. Plötzlich stand sie in unserer Tür, nahm uns in den Arm und riet uns: "Tun Sie für Ihren Sohn, was Sie für ihn noch tun können."

Sie machte uns Mut, die Tage bis zur Beerdigung zum Abschied zu nutzen und Dinge zu tun, die wir ohne sie nie gewagt hätten: Wir besuchten unseren Sohn in der Trauerhalle so oft uns danach war. Wir hielten seine kalte Hand. Wir zogen ihn an. Wir betteten ihn in den kleinen Sarg und wir verschlossen den Sarg vor der Trauerfeier.

Ich bin der Hebamme noch heute dankbar für diese Anregungen.

Claudia Mayer

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Ich wurde gefragt: “Wenn Du nur noch ein Jahr zu leben hättest, was würdest Du dann machen?”

Und ich überlegte, tja...

Ich glaube, ich würde versuchen, all die Dinge zu tun, für die ich nie die Zeit fand. Reisen etwa. Ich meine, ich wollte doch immer mal nach Neuseeland. Oder Paris. Oder meinen Jugendfreund besuchen, der jetzt in San Francisco lebt.

Und ich hatte ja schon lange vor, endlich mal einen Zeichenkurs zu besuchen. Und noch so viele andere Sachen, die ich immer aufgeschoben habe.

Ein Jahr scheint mir sehr kurz, um das alles zu schaffen, also würde ich wohl meine Arbeit, meine ganzen Routinen reduzieren, um mir mehr Zeit für diese Dinge zu geben.

Und dann dachte ich: warum warte ich damit? Warum muss mir erst eine Frist gesetzt werden? Und wie komme ich eigentlich darauf, so zu leben, als gäbe es keine Frist, als würde mein Leben immer so weitergehen?

Vielleicht bleibt mir ja wirklich nur noch ein Jahr? Eine Woche? Oder nur ein Tag...

 Eigentlich müsste mein Ziel doch sein, mein Leben jetzt schon so zu gestalten, in dem Bewusstsein, dass es enden wird und jeder Moment kostbar ist.

 Denn wenn man mich fragt, “was würdest Du tun, hättest Du nur noch ein Jahr?” Und ich könnte mit Überzeugung sagen: “Ich würde ganz genauso weiterleben, wie ich es jetzt gerade tue”, dann, glaube ich, wäre das ein wirklich erfülltes Leben.

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Im Sommer 1986 traf ich mich mit einem Freund mitten in der Nacht unter dem Arc de Triomphe in Paris. Wir öffneten eine Flasche Champagner und stießen auf meinen letzten Tag in der französischen Hauptstadt an. Ein Jahr lang hatte ich in Paris studiert, war unzählige Male durch die herrlichen Parks geschlendert, hatte Tausende der kleinen Plätze überquert und war ebenso oft Metro gefahren. Mein Studienjahr in Paris war jetzt um. Klar, ich würde immer mal wieder dorthin zurückkehren - für ein Wochenende oder für ein paar Tage. Aber ich würde als Touristin durch die Straße laufen, mit dem Gefühl des Gastes und nicht mit dem der Bürgerin, die hier zu Hause ist und das ist ein Unterschied.

Der Abschied tat weh. Er fühlte sich ein bisschen so an, wie ich mir Sterben vorstelle.

Acht Jahre später zog ich mit meiner Familie von Prag zurück nach Deutschland. In der tschechischen Hauptstadt hatten mein Mann und ich fünf Jahre lang gewohnt und als Journalisten gearbeitet. In dieser Zeit haben wir erlebt, wie der Schriftsteller und Dissident Václav Havel, der kurz vorher noch im Gefängnis gesessen hatte, in den Präsidentenpalast einzog. Wir waren dabei, wie sich ein Land ohne jegliches Blutvergießen in zwei unabhängige Staaten aufspaltete – in die tschechische und die slowakische Republik. Wir schauten zu, wie verrottete Klöster und zerfallene Stadtpalais restauriert wurden und in alter Pracht erstrahlten. Unsere Tochter wurde in dieser Zeit geboren, sie lernte die Sprache, die uns so schwer fiel, mühelos bei Nachbarn und später im Kindergarten.

Der Abschied tat weh. Er fühlte sich ein bisschen so an, wie ich mir Sterben vorstelle.

Weitere acht Jahre später saß ich an einem Spätsommernachmittag zum letzten Mal in unserem Garten in der Fichtestraße in Darmstadt. Die Vögel sangen, Eichhörnchen hüpften von Ast zu Ast, der Wind strich durch die Baumkronen. Unsere Vermieter wollten das Haus, in den wir lebten, verkaufen. Am nächsten Morgen würde der Umzugswagen kommen, wir würden in einen Neubau ziehen, mit einem handtuchschmalen Stück Garten davor. Mir war klar, dass unsere alten Vermieter diesen riesigen, herrlich verwilderten Garten nicht so belassen würden, wie er war. Jeder, der halbwegs rechnen konnte, würde den unteren Teil abtrennen, die uralten Bäume fällen und das gewonnene Land einer „baulichen Verdichtung“ zuführen, wie es im Jargon der Bürokraten heißt. Ich schaute in die Krone des Kletterbaums, auf dem mein inzwischen neunjähriger Sohn viele Stunden seines Lebens verbracht hatte und dachte an die vielen großen und kleinen Tiere, denen er als Nahrung und Wohnung gedient hatte.

Der Abschied tat weh. Er fühlte sich ein bisschen so an, wie ich mir Sterben vorstelle.

Danach gab es noch viele Abschiede, auf die ich hier nicht weiter eingehen will. Im Jahre 1996 starb mein Vater, auch gab einen schweren Unfall in der Familie, der uns allen die Illusion von Sicherheit nahm. In Kürze wird unser gemeinsames Familienleben, so wie es 18 Jahre lang war, beendet sein, weil mein Mann einen Job in einer anderen Stadt bekommen hat und fürs erste nur am Wochenende zu Hause sein wird. Dieses Gefühl, dass nichts bleibt, wie es war, ist manchmal schwer zu ertragen.

Aber genug damit. Es soll nicht der Eindruck entstehen, als sei mein Leben eine einzige Folge von Trauerfällen gewesen. So ist das nicht – im Gegenteil. Denn weh tut ein Abschied ja nur dann, wenn es vorher schön war. So herum kann man das auch mal sehen.

Im übrigen haben all diese kleinen Abschiede ja auch ihr Gutes. Sie sind eine Vorbereitung auf den ganz großen – am Ende des Lebens, dem keiner entgeht.

Um die vielen kleinen Abschiede und den ganz großen am Ende geht es in diesem Gottesdienst.

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(Vorgetragen am 06.05.2007 beim Segnungs- und Sendungsgottesdienst in der Andreasgemeinde)

Wir haben in den vergangenen acht Monaten viel miteinander und auch
voneinander erfahren.

Wir haben in vier Ausbildungsabschnitten Themen behandelt, die für die Arbeit
von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen im Palliativ- und Hospizdienst wichtig sind: Gesprächsführung, Alter, Krankheit, Trauer, Sterben und Tod.
Mit diesen Themen haben wir uns an mehreren Wochenenden in der Theorie
und durch praktischen Übungen beschäftigt.

Regelmäßig einmal pro Woche haben wir alte Menschen besucht. Und wir hatten die wöchentlichen Treffen der Ausbildungsgruppe mit Pfarrer Ullrich - mit zwei „Runden“;
Runden, bei der Jeder und Jede, ohne unterbrochen zu werden, sprechen konnte.

Um mit Menschen in ein Gespräch zu kommen – und das wollen wir ja – ,  müssen
wir uns ihnen hörend zuwenden, aber auch bereit und in der Lage sein, uns mitzu-
teilen. Bloße Konversation reicht da nicht. Das muss man üben. Deswegen die erste Runde zur eigenen Person: Wie geht es mir? Was war in der vergangenen Woche?
Was beschäftigt mich?

Wir haben geübt, Menschen zu besuchen.
Menschen, die in Alten- und Pflegeheimen leben - alte, hochbetagte, manche an
Demenz erkrankt. Für viele von uns war das ganz neu und darum mit Scheu und
Unsicherheit verbunden.

Die zweite Runde der wöchentlichen Treffen galt dann unseren Besuchen:
Was habe ich bei meinem Besuch getan, gesprochen, gehört? Was habe ich gefühlt?
Was war gut, was sollte ich anders machen?

Die Erklärungen, Kommentare und die Fragen von Pfarrer Ullrich haben unserem Lernprozess die Richtung gegeben, neue Blickwinkel eröffnet und uns manchmal
mit Kritik unterstützt. Diese Berichte von den Besuchen waren wie Fortsetzungs-
geschichten. Wir werden sie vermissen.

Jedes Treffen begann mit Gedanken von Pfarrer Ullrich zur Tageslosung – meist mit
Bezug zu unserem Vorhaben, Menschen zu besuchen und zu begleiten.

Zu Anfang des Kurses haben wir unsere Erwartungen an die Ausbildung formuliert
und die Ziele benannt, die wir in den acht Monaten erreichen wollten. Nun am Ende
fragen wir uns: Was war wichtig, was nehme ich mit?

Unsere Erwartungen und Ziele vom Anfang entsprechen in hohem Maße dem, was wir erlebt, erfahren und gelernt haben. Und zu unserer Überraschung haben wir manches erlebt, was wir uns vorher überhaupt nicht vorstellen konnten.





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